Apple wirbt damit, dass das iPhone die beliebteste Kamera der Welt ist. Wenn man zugrunde legt, wie viel Prozent der Bilder mit einem iPhone gemacht werden, mag das stimmen. Wenn man sich als Maßstab nimmt, wie lange Menschen mit einem Produkt zufrieden sind, stimmt es sicher nicht. Und nach meiner Erfahrung fotografieren viele nicht mit dem iPhone, weil sie es lieben, sondern weil es ihnen zu umständlich ist, die Bilder von der anderen Kamera in WhatsApp zu importieren.

 

Manche fotografieren wichtige Motive sogar zweimal, einmal mit der richtigen Kamera und ein zweites mal mit dem Smartphone. Ich habe sogar gehört, dass manche das Display ihrer Kamera abfotografieren, um die Bilder teilen zu können! Natürlich erhöhen auch diese Beispiele die Anzahl der Bilder, die mit einem Smartphone gemacht wurden, aber es ist offensichtlich, dass viele eben nicht zufrieden mit der Qualität der Bilder sind, die das Smartphone liefert.

Wenn man bedenkt, wie groß gerade die Smartphones mit den etwas besseren Kameras sind und wie teuer, lohnt es sich, nach Alternativen Ausschau zu halten.

 

Ich möchte euch in diesem kurzen Artikel die Vor- und Nachteile des Smartphones als Kamera zusammen stellen. Kurz gesagt empfehle ich eine Kombination aus einem möglichst kleinen und robusten Smartphone in Kombination mit einer möglichst kleinen System-Kamera, die sich per WLan oder Bluetooth mit dem Smartphone verbinden lässt. Dann hat man wirklich alle Vorteile aus beiden Welten.

Der Smartphone-Test

Die meisten Tests laufen so ab, als würden Eltern ihre eigenen Kinder testen. Jede Kamera wird dann unter den Bedingungen getestet, die das Smartphone vorgibt: beid dürfen nur die alltagsuntaugliche Brennweite von 28mm verwenden, beide arbeiten ohne Blitz (weil das Smartphone ja keinen Blitzschuh hat9, und beide werden unter perfekten Lichtverhältnissen getestet, weil das Smartphone im Dunkeln ohnehin keine brauchbaren Ergebnisse mehr liefert.

Ein weiteres Problem vieler Tests besteht darin, dass sie das Smartphone auf ein Stativ montieren. Aber ist das noch Smartphone-Fotografie?

 

Das einzige, was unter solchen idealen Testbedingungen heraus kommen kann, ist der Vergleichi der Systemauflösung, also der Auflösung von Sensor, Objektiv und Prozessor. Und dieser Test ist ziemlich langweilig, weil die Auflösung im Alltag nie der limitierende Faktor ist.

 

Ich habe zwar auch die Auflösung getestet aber auch Personen im Halbschatten aus der Hand fotografiert und bin mit dem Smartphone in den Zoo gegangen. Natürlich weiß man auch vor dem Test, dass der "Digitalzoom" trotz des im iPhone verbauten "Tele-Objektivs" (eigentlich ist es kein Tele sondern ein Standardobjektiv) nicht mit einem richtigen Teleobjektiv und einer Kamera mit APS-C-Sensor mithalten kann, aber  nach meinem Eindruck verwenden über 90% der Zoobesucher heute nur noch ihr Smartphone.

 

Der Test ist aber auch aus anderen Gründen nicht so unfair, wie er im ersten Moment aussieht: erstens kosten die verwendete Kamera einschließlich dem Teleobjektiv heute nicht mehr als die aktuellen Modelle der iPhone-Palette.

Zweitens wirbt der Hersteller damit, dass ein 10facher Digital-Zoom vorhanden ist. Warum soll ich ihn als Kunde dann nicht nutzen

 

Der Test ist daher nicht unfair sondern einfach an typischen Alltagsbedingungen ausgerichtet.

Teil 1 - Die Systemauflösung

Grundsätzlich liefern 12 Megapixel auf einem kleinen Sensor dieselbe Auflösung wie auf einem großen Sensor. Eben 12 Megapixel. Im Test habe ich eine 24 Megapixel-Kamera mit einem iPhone Xs mit 12 Megapixeln verglichen, d.h. die Auflösung des iPhone sollte im Idealfall nur halb so groß sein. Der Test zeigt aber, dass es gerade bei solchen winzigen Sensoren das Objektiv der limitierende Faktor ist, und das ist im iPhone offensichtlich selbst in der Bildmitte nicht in der Lage, die 12 Megaxpiel aufzulösen. Selbst bei ISO 25 ist der Qualitätsabstand zur APS-C-Kamera deutlich größer als Faktor 2. Die erste Runde des Tests fand also unter optimalen Lichtverhältnissen statt, wobei beide Kameras schon mit sehr unterschiedlichen Basisempfindlichkeiten antreten. Die winzigen Pixel auf dem winzigen Sensor des iPhone arbeiten bereits bei ISO 25 mit so geringen Lichtmengen, dass der Prozessor schon hier deutliches Farbrauschen erkennen lässt. Das Ergebnis war also sehr ernüchternd.

 

Im zweiten Durchgang mussten beide Kameras bei ISO 800 zeigen, was sie leisten. Das ist eine Lichtempfindlichkeit, die man im Halbschatten und mit Objektiven mittlerer Lichtstärke schnell benötigt. Das iPhone liefert bereits nur noch Datenmüll, während die APS-C-Kamera in der Leistung kaum abfällt, wobei die feinen Strukturen jetzt langsam unsauber aussehen. Und dabei hat das iPhone einen aktuellen Sensor, während die Kamera bereits seit 2 Jahren auf dem Markt ist!

 

Betrachtet man sich die unterschiedlichen Sensorgrößen, würde man etwa mit einem Faktor 20 an besserer Bildqualität bei der Kamera mit APS-C-Sensor rechnen. Tatsächllich scheint der Abstand allerdings deutlich höher, denn die Bildqualität, die der große APS-C-Sensor bei ISO 800 liefert ist eindeutig besser als die Bildqualität, die der iPhone-Sensor bei ISO 25 liefert, und das entspricht einem Abstand von mehr als Faktor 32.

 

Trotzdem genügt die Qualität bei niedrigen ISO-Zahlen selbst im Smartphone meistens und erst recht, wenn das Bild nur an kleinen Displays begutachtet wird. Wirklich unangenehm werden die Bildfehler aber schon bei Dämmerlicht und in Innenräumen.

Teil 2 - Digitalzoom

Alle Aufnahmen mit der freundlichen Genehmigung des Zoos Neuwied!

Trotz "Tele"-Objektiv im iPhone musste ich jedes Bild mehr oder weniger stark mit dem Digitalzoom traktieren. Die Tiere saßen teilweise dicht hinter der Scheibe im Terrarium oder waren maximal 3 Meter von mir entfernt. Der Vergleich zeigt aber nicht nur, was der Auflösungsverlust bereits bei Motiven über kurze Distanzen bewirkt, sondern vor allem, wie stark die Kontraste selbst unter guten Lichtbedingungen leiden! Das Bild von den Skinken wurde im iPhone mit ISO 25 gemacht, und trotzdem ist es nicht zu gebrauchen.

Das verwendete iPhone kostete übrigens ziemlich genau so viel wie die im Test verwendete Kamera samt Tele-Objektiv.

 

Bei den Bildern erkennt man, dass ich teilweise nicht die identische Kameraposition gewählt habe. Bei dem Erdmännchen musste ich mit dem iPhone über die Glaswand hinweg fotografieren, während ich an der Kamera ein Schwenkdisplay hatte und sie deshalb über die Wand hinüber halten konnte. Auch das ist eine wichtige Eigenschaft einer Kamera und ein schmerzlicher Nachteil in jedem Smartphone. Natürlich könnte ich auch mit der großen Kamera dieselbe ungünstige Position einnehmen, auf die ich mit iPhone beschränkt wäre. Aber das Schwenkdisplay bedeutet eben einen handfesten Vorteil, den man meiner Meinung nach durchaus auch im Test sehen darf.

 

Teil 3 - Hauttöne

Bei dem Thema "Hauttöne" kommen wir zu dem vielleicht größten Problem der Smartphones, denn Personenaufnahmen sind für die meisten Menschen wichtig.

Hauttöne bestehen aus unzähligen Zwischentönen mit geringer Farbdifferenz, die nur dann richtig dargestellt werden können, wenn der Sensor eine ausreichende Farbtiefe bietet. Und genau diese fehlende Farbtiefe ist für mich der größte und oft entscheidende Nachteil der iPhone-Kamera.

Im Test habe ich beide Bilder bearbeitet. Die Originaldateien zeigen bereits einen Unterschied, der aber erst durch die Bearbeitung richtig deutlich wird. Leider vernachlässigen die meisten Tests gerade die Bildbearbeitung, und schonen das Smartphone zu unrecht. Denn die Qualität der aufgenommenen Datei zeigt sich doch nicht zuletzt in den Reserven, die sie für die Bildbearbeitung bietet. Man sieht in der kleinen Bildergalerie, dass auch das Bild aus dem iPhone sich noch bearbeiten lässt, es wird dann aber nur anders schlecht. Die Farbabstufungen wurden selbst in der RAW-Dateie nicht ausreichend aufgezeichnet.

Teil 4 - Die Software

Kein großer Unterschied, oder? Beide Aufnahmen wurden von derselben Stelle aus mit Stativ und bei ISO 25 mit dem iPhone Xs aufgenommen. Die linke als DNG, die rechte als jpg. Das DNG habe ich mit Lightroom bearbeitet, das jpg kam so aus der Kamera. Da es sich um leichte Ausschnittsvergrößerungen handelt, ist der Effekt im Alltag zu vernachlässigen. Was sollte also der Vergleich?

Fast jeder, mit dem ich gesprochen habe, hat darauf hingewiesen, dass die Smartphones aber heute schon erstaunlich gut sind. Und wenn sie nicht so gut sind, dann ist es aber doch immer noch erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es ja nur Smartphones sind.

Die Frage war also für mich: welchen Sinn macht es zu sagen, "Dafür dass es ein Smartphone ist, ist das Bild gut?"

Der Sensor wird von Sony produziert, ist also derselbe, der auch in allen anderen Kameras verbaut ist. Die Optik wird mutmaßlich von einem chinesischen Konzern für Mikro-Optiken produziert, wird also ebenfalls von den Herstellern zugekauft. Das Einzige, was die Smartphone-Hersteller selbst zur Leistung beitragen können, wäre die Software, und die macht genau das, was eben auch jede andere Automatik macht. Einen ganz ordentlichen Job. Nicht mehr und nicht weniger.

Teil 5 - Lichtführung

Was soll ein interner Blitz gegen die zahlreichen Möglichkeiten einer Studioblitzanlage ausrichten? Aber wenn eine Kamera keinen Blitzschuh bietet, verpasst man eben sehr viele reizvolle Möglichkeiten. Übrigens: Für den Preis eines Spitzenmodells von Apple bekommt man heute eine komplette Studioblitzanlage in hochwertiger Qualität!

 

Nun mag man einwenden, dass ein Smartphone ja auch mehr ist als eine Kamera. Für viele Menschen ist aber die erhoffte bessere Bildqualität des neueren Modells ein wichtiges Kaufkriterium, denn Whatsapp-Nachrichten kann man auch auf älteren Modellen lesen. Wer braucht denn einen Hochleistungsprozessor für aufwändige 3D-Berechnungen? Und die großen Displays der neuen Geräte ziehen unglaublich viel Strom und machen sie immer unhandlicher. Es gibt durchaus gute Gründe dafür, weshalb auch Apple in seiner Werbung für die neuen Modelle immer sehr stark die Leistung der Kamera betont.

 

Test-Fazit

Das iPhone kann gute Ergebnisse liefern, wenn man

 

  1.  keine Personen mit heller Haut fotografiert,
  2. optimale Lichtverhältnisse vorfindet,
  3. das Motiv sich vor einer Szenerie befindet, die nicht stört, auch wenn sie scharf abgebildet wird,
  4. ein Motiv vor sich hat, das zur Brennweite von 28 - ca. 50mm (Kleinbildäquivalent) passt,
  5. das Bild nicht größer als auf Displays bis 6 oder 7 Zoll anschaut und nicht drucken möchte.

Leider ist das iPhone wie jedes andere Smartphone gerade für eins der häufigsten Motive, nämlich Personen unter normalen bis schlechten Lichtverhältnissen und vor uninteressanten Hintergründen nicht geeignet. Ich glaube daher, dass die meisten Menschen viel besser beraten sind, wenn sie sich als Smartphone das älteste, billigste und vor allem kleinste Modell holen, dass gerade ihren Anforderungen genügt, und das gesparte Geld in Objektive oder vielleicht sogar einen Studioblitz investieren. Wer sich hingegen auf die Kamera in seinem Smartphone verlässt, läuft Gefahr, seine fotografischen Vorlieben schrittweise an die engen Grenzen der  Smartphone-Kamera anzupassen.

Grenzen der Smartphone-Fotografie im Überblick

Neben den genannten Gründen gibt es noch eine Reihe weiterer, die mich immer häufiger veranlassen, wieder eine größere Kamera mitzunehmen:

 

  1. Das Smartphone-Display zieht viel Strom, wer also längere Zeit im Urlaub fotografiert, kommt nur mit einer Power-Bank weiter, die aber selbst fast so groß ist wie eine kleine Kamera!
  2. Unter Zeitdruck liegt das Smartphone nicht sicher genug in der Hand. Wenn die Finger dann noch etwas kalt oder klamm sind, geht schnell etwas zu Bruch.
  3. Die Schärfe ist nur bei wirklich optimalen Lichtverhältnissen gut. Sobald es dämmert oder man in Innenräumen fotografiert, werden die Ergebnisse unbrauchbar.
  4. Kein ausreichender Zoom für Portraits, Zoo, Theaterbesuche etc.
  5. Kein Blitzschuh, daher immer nur frontales Blitzlicht
  6. Kein Schwenkdisplay (Tipp: die Selfie-Kamera kann man auch für Makroaufnahmen aus sehr extremen Positionen nutzen!)
  7. Geringe Farbtiefe. Gerade Hauttöne wirken flach.
  8. Es kann nicht ferngesteuert werden, was gerade bei Gruppenaufnahmen mit Selbstauslöser sinnvoll wäre. Dabei ist das Smartphone selbst doch der perfekte Fernauslöser, sofern die Kamera sich mit ihm verbinden kann.
  9. Bei hellem Tageslicht ist das Ergebnis am Display kaum zu erkennen
  10. Es kann nicht wirklich ruhig gehalten werden.
  11. Ein Anwender-unfreundlicher Algorithmus wählt viel zu lange Verschlusszeiten, was zu vielen verwackelten Aufnahmen führt.
  12. Kein natürlicher Verlauf von der Schärfe in die Unschärfe
  13. Stark fehleranfällige Freistellung bei den neueren Modellen mit "Portrait-Modus".
  14. Frontlinse ist nicht vor Fingerabdrücken, Kratzern und Schmutz geschützt, was auf Dauer weiter die Bildqualität vermindert.
  15. Bildverwaltung ist sehr umständlich, insbesondere bei größeren Bildbeständen.
  16. Hauptspeicher ist gleichzeitig Importspeicher, d.h. man muss entweder während des Fotografierens immer Fotos löschen oder belastet den oft kleinen Smartphone-Speicher. Und Speicherplatz ist im Smartphone nach wie vor teuer.

Der sinnvolle Einsatz des Smartphones in der Fotografie

Was ich an dem Smartphone schätze ist. dass es durch seine permanente Verfügbarkeit als fotografischer Notizblock funktioniert. Fotografen können damit Alben von interessanten Locations anlegen, Motivkataloge anfertigen, MR-Verträge mit dem dazugehörigen Gesicht abfotografieren, um die spätere Zuordnung zu erleichtern und helfen beim Sammeln von besonderen Hintergründen, die man in Fotocollagen benötigt und oft nur spontan findet. Auch für fotografische Übungen und ein regelrechtes Training ist ein Smartphone unentbehrlich!

Als Fotograf schätze ich die zahlreichen Apps, die sowohl die Arbeit mit der Smartphonekamera selbst als auch mit der externen Kamera unterstützen! Apps helfen heute dabei, Blitzgeräte zu steuern, die Kamera fernauszulösen, die Schärfentiefe zu berechnen oder den Sonnenstand zu einer bestimmten Tageszeit vorauszusagen. Das Smartphone ist also heute ein kostbares Werkzeug für Fotografen. Die Kunst besteht nur in einer klugen Aufgabenteilung zwischen ihm und der externen Kamera.

Und wenn man tatsächlich ein besonderes Motiv findet und nur das Smartphone zur Hand hat, nutzt man es natürlich auch als Kamera. Aber meine Erfahrung ist, das ich mich bei diesen Bildern letztlich immer ärgere, nicht doch wenigstens eine kleine Systemkamera mitgenommen zu haben...

 

Ich empfehle euch auf jeden Fall, dass ihr mal schaut, ob und wie ihr Smartphone und Kamera drahtlos verbinden könnt, denn das ist der entscheidende Schritt. So entscheidend, dass er für mich heute Grund für den Kauf einer neuen Kamera wäre, mehr noch als die Bildqualität!